German

Die schöne Müllerin

2  Wohin?

Ich hört ein Bächlein rauschen  
Wohl aus dem Felsenquell,  
Hinab zum Thale rauschen   
So frisch und wunderhell.  
 
  Ich weiß nicht, wie mir wurde,   
Nicht, wer den Rath mir gab,   
Ich mußte auch hinunter   
Mit meinem Wanderstab.  
 
  Hinunter und immer weiter,   
Und immer dem Bache nach,  
Und immer frischer rauschte,  
Und immer heller der Bach.  
 
  Ist das denn meine Straße?  
O Bächlein, sprich, wohin?  
Du hast mit deinem Rauschen   
Mir ganz berauscht den Sinn.  
 
  Was sag' ich denn vom Rauschen?   
Das kann kein Rauschen sein:  
Es singen wohl die Nixen   
Tief unten ihren Reihn.   
 
  Laß singen, Gesell, laß rauschen,   
Und wandre fröhlich nach!  
Es gehn ja Mühlenräder  
In jedem klaren Bach. 

3  Halt!

Eine Mühle seh' ich blinken  
Aus den Erlen heraus,   
Durch Rauschen und Singen   
Bricht Rädergebraus.   
 
  Ei willkommen, ei willkommen,   
Süßer Mühlengesang!  
Und das Haus, wie so traulich!
Und das Fenster, wie blank!
 
  Und die Sonne, wie helle
Vom Himmel sie scheint!  
Ei, Bächlein, liebes Bächlein,  
War es also gemeint? 

8  Morgengruß

Guten Morgen, schöne Müllerin!   
Wo steckst du gleich das Köpfchen hin,   
Als wär' dir was geschehen?  
Verdrießt dich denn mein Gruß so schwer?   
Verstört dich denn mein Blick so sehr?  
So muß ich wieder gehen.   
 
  O laß mich nur von ferne stehn,  
Nach deinem lieben Fenster sehn,   
Von ferne, ganz von ferne!  
Du blondes Köpfchen, komm hervor!   
Hervor aus eurem runden Thor,   
Ihr blauen Morgensterne!  
 
  Ihr schlummertrunknen Äugelein,   
Ihr thaubetrübten Blümelein,  
Was scheuet ihr die Sonne?   
Hat es die Nacht so gut gemeint,  
Daß ihr euch schließt und bückt und weint  
Nach ihrer stillen Wonne?   
 
  Nun schüttelt ab der Träume Flor,  
Und hebt euch frisch und frei empor   
In Gottes hellen Morgen!   
Die Lerche wirbelt in der Luft,  
Und aus dem tiefen Herzen ruft   
Die Liebe Leid und Sorgen.

14  Der Jäger

Was sucht denn der Jäger am Mühlbach hier?  
Bleib', trotziger Jäger, in deinem Revier!  
Hier gibt es kein Wild zu jagen für dich,  
Hier wohnt nur ein Rehlein, ein zahmes, für mich.  
Und willst du das zärtliche Rehlein sehn,   
So laß deine Büchsen im Walde stehn,  
Und laß deine klaffenden Hunde zu Haus,  
Und laß auf dem Horne den Saus und Braus,  
Und schere vom Kinne das struppige Haar,   
Sonst scheut sich im Garten das Rehlein fürwahr.  
 
Doch besser, du bliebest im Walde dazu,   
Und ließest die Mühlen und Müller in Ruh'.   
Was taugen die Fischlein im grünen Gezweig?  
Was will denn das Eichhorn im bläulichen Teich?   
Drum bleibe, du trotziger Jäger, im Hain,  
Und laß mich mit meinen drei Rädern allein;  
 
Und willst meinem Schätzchen dich machen beliebt,   
So wisse, mein Freund, was ihr Herzchen betrübt:   
Die Eber, die kommen zu Nacht aus dem Hain,  
Und brechen in ihren Kohlgarten ein.   
Und treten und wühlen herum in dem Feld:  
Die Eber, die schieße, du Jägerheld!

19  Der Müller und der Bach

  Der Müller.   
Wo ein treues Herze  
In Liebe vergeht,   
Da welken die Lilien  
Auf jedem Beet.   
 
  Da muß in die Wolken  
Der Vollmond gehn,   
Damit seine Tränen   
Die Menschen nicht sehn.   
 
  Da halten die Englein  
Die Augen sich zu.  
Und schluchzen und singen   
Die Seele zur Ruh'.   
 
  Der Bach.  
  Und wenn sich die Liebe  
Dem Schmerz entringt,  
Ein Sternlein, ein neues,  
Am Himmer erblinkt.  
 
  Da springen drei Rosen,  
Halb rot, halb weiß,  
Die welken nicht wieder,  
Aus Dornenreis.  
 
  Und die Engelein schneiden  
Die Flügel sich ab,   
Und gehn alle Morgen   
Zur Erde hinab.  
 
  Der Müller.  
  Ach, Bächlein, liebes Bächlein,   
Du meinst es so gut:  
Ach, Bächlein, aber weißt du,  
Wie Liebe tut?
 
Ach, unten, da unten,   
Die kühle Ruh'!   
Ach, Bächlein, liebes Bächlein,  
So singe nur zu.

20  Des Baches Wiegenlied

Gute Ruh', gute Ruh'!  
Thu' die Augen zu!  
Wandrer, du müder, du bist zu Haus.  
Die Treu' ist hier,  
Sollst liegen bei mir,  
Bis das Meer will trinken die Bächlein aus.  
 
  Will betten dich kühl,  
Auf weichem Pfühl,   
In dem blauen kristallenen Kämmerlein.   
Heran, heran,  
Was wiegen kann,  
Woget und wieget den Knaben mir ein!   
 
  Wenn ein Jagdhorn schallt   
Aus dem grünen Wald,  
Will ich sausen und brausen wohl um dich her.   
Blickt nicht herein,  
Blaue Blümelein!   
Ihr macht meinem Schläfer die Träume so schwer.  
 
  Hinweg, hinweg   
Von dem Mühlensteg,   
Böses Mägdlein, daß ihn dein Schatten nicht weckt!   
Wirf mir herein   
Dein Tüchlein fein,   
Daß ich die Augen ihm halte bedeckt!  
 
  Gute Nacht, gute Nacht!  
Bis Alles wacht,   
Schlaf' aus deine Freude, schlaf' aus dein Leid!  
Der Vollmond steigt,   
Der Nebel weicht,  
Und der Himmel da oben, wie ist er so weit!  
 
— Wilhelm Müller
English

The lovely maid of the mill

2  Where To?

I heard a little stream rushing
From its source among the rocks,
Babbling down to the valley
So clear, so strangely bright.
 
I do not know what came over me,
Nor who gave me the idea,
But I, too, had to go down
With my wanderer's staff.
 
Down and ever onwards,
Ever following the stream,
And, ever more clear and bright,
The stream babbled on.
 
Is this then my path?
O brook, tell me, where?
Your murmuring
Has quite bemused my senses.
 
Why do I speak of murmuring?
That is not what I hear.
The water nymphs are singing
As they dance their round below.
 
Let the singing and murmuring go on, lad,
And follow it gaily!
There are millwheels turning
In every clear stream.

3  Stop!

I see a mill gleaming
Through the alders;
The rushing of millwheels
Breaks through murmuring and singing.
 
Welcome, welcome,
Sweet song of the mill!
And how inviting the house looks.
And how bright its windows!
 
  And how brightly the sun
Shines down from the sky!
You dear little millstream -
Is this what you meant?

8  Morning Greeting

Good morning, lovely maid of the mill!
Why do you turn your face away
though something were troubling you?
Does my greeting so displease you?
Does my glance so disturb you?
Then I must go my way.
 
O let me just stand at a distance
And gaze up at your dear window
From quite far away!
Fair little head, appear!
Come out from your round gates,
You blue morningstars!
 
Eyes still heavy with sleep,
Flowers saddened with dew -
do you shrink from the sunlight?
Was night so good to you
That you close, bow down, and weep
For night's silent bliss?
 
Shake off the veil of dreams,
And look up gladly and freely
To God's bright morning!
The lark trills high in the air,
And from deep within the heart
Love calls out its pain and sorrow.

14  The Huntsman

What is the huntsman doing by the millstream here?   
Stay in your preserve, bold hunter!  
is no game for you to track down,  
lives only a fawn, a tame one, for me.  
And if you would see that gentle doe,   
Then leave your guns in the forest   
And your baying hounds at home,   
And stop the din and roar of your horn   
shave the rough beard from your chin:
Or the fawn will surely hide in the garden.
 
But it would be better if you stayed in the forest
And left mills and millers alone.
How can fish thrive in green branches
What can the squirrel want in a blue pond?
Then stay in your wood, bold hunter,
And leave me alone with my three millwheels.
 
And if you want to win my sweetheart's favour
Then you must know what troubles her:
Wild boars come out of the forest at night
And break into her cabbage patch,   
And trample her field and root about in the ground:
Shoot those boars, you brave hunter!

19  The Miller and the Millstream

The miller.
Where a true heart
Dies of love,
There lilies wither
On their beds.
 
  There the full moon
Hides behind clouds,
So that mortals
Should not see its tears.
 
There angels
Cover their eyes,
And, sobbing,
Sing the soul to rest.
 
The millstream.
And when love
Struggles free of its sorrow,
A new star
Shines in the sky.
 
Three roses,
Half red and half white,
Spring from a thorny branch
And fade no more.
 
And the angels
Cut off their wings
And come down to earth
Every morning.
 
The miller.
  O stream, dear stream,
You mean so well:
But do you know
How love can feel?
 
Down there, down there
Is cool repose!
Oh stream, dear stream,
Sing on.

20  The Millstream's Lullaby

Rest, rest well!  
Close your eyes!
You tired wanderer, now you are home.
Here there is fidelity,
You shall lie with me
Until the sea drinks up all streams.
 
I will bed you down
On a cool, soft pillow
In my blue crystal chamber.
Approach,
All you who can lull
And rock this boy for me!
 
When a hunting horn sounds
From the green woods
I will rush and roar about you.
Do not look in,
Little blue flowers!
You bring such bad dreams to my sleeper.
 
Off with you,
Away from the mill path,
Wicked girl - lest your shadow wake him!
Throw in
Your little kerchief
That I may cover his eyes.
 
Good night, good night!
Until all the world wakes,
Sleep away your joy, sleep away your sorrow.
The full moon is rising,
The mists are parting
And the sky above - how vast it is!